Die Suche nach der Schöpfung

Der Beitrag „Vom Urknall zum Weltall“ im National Geographic vom Dezember 2003 (Seiten 112 – 115) beginnt mit den folgenden Worten: „Alle Beobachtungen scheinen die Annahme zu bestätigen, dass unser Weltall – Raum und Zeit – vor rund 14 Milliarden Jahren in einem gewaltigen Urknall entstand. Seither dehnt sich der Kosmos unablässig aus, gasförmige Materie formte sich zu Galaxien, zu Planeten – und zu Menschen. Der Kosmologe Gerhard Börner, Professor am Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching bei München, schildert, wie die Schöpfung nach heutigem Wissen begann.“

Es ist immer wieder interessant festzustellen, wie das Entstehen des Universums und des Lebens als „Schöpfung“ bezeichnet wird. In diesem Beitrag wird der Urknall als „physikalischer Schöpfungsbericht“ bezeichnet. Doch eine Schöpfung impliziert einen Schöpfer, der in diesem Beitrag aber nicht vorkommt. Aufgrund der vielen phantastischen Bilder, die wir vom Hubble Weltraumteleskop erhalten, versucht Gerhard Börner die folgenden Fragen zu beantworten: „Wie sind diese astronomischen Gebilde entstanden? Woher stammen sie? Besteht ein Zusammenhang zwischen diesen Himmelskörpern und unserer Existenz?“ Er meint im Anschluss daran, dass diese Fragen durch die Wissenschaftler beantwort werden können.

In der Folge erklärt er den Ablauf des Urknalls, wie ihn sich Kosmologen heute vorstellen. Am Anfang war alles auf unvorstellbarem kleinen Raum konzentriert. Das wird daraus geschlossen, weil sich heute Galaxien voneinander entfernen. Und aus den verfügbaren Messungen wird zurückgerechnet, dass die Ausdehnung vor 14 Milliarden Jahren ihren Anfang genommen haben soll. Doch auch der Autor ist sich nicht ganz schlüssig darüber, wenn er sich fragt: „Und aus dieser unvorstellbaren Kleinheit, aus diesem Nichts soll alles entstanden sein, was wir kennen?“ In der Folge führt er seine Ueberlegungen weiter, über den kosmischen Mikrowellenhintergrund und über die Einsteinsche Gravitationstheorie. In der Einsteinschen Theorie ist der Urknall keine Explosion, sondern vielmehr eine Ausdehnung der Raumzeit selber. Doch die Frage, wie das Universum entstand, wird folgendermassen beantwortet: „Der Urknall war die singuläre Schöpfung von Materie, Raum, Zeit und Energie“. Auch Einstein nennt den Urknall eine Schöpfung!

Doch das interessante an diesem Beitrag ist der Schluss. Wie sich die Wissenschaftler die Entstehung des Weltalls, der Galaxien, des Sonnensystems und der Erde vorstellen, ist ja hinlänglich bekannt. Gerhard Börner kommt zum ehrlichen Schluss, dass dieser „physikalische Schöpfungsbericht“ uns auch die Grenzen naturwissenschaftlicher Erfahrung aufzeigt, denn Erkenntnisse können wir nur in Zeit und Raum gewinnen, denn Raum und Zeit können wir, wenn überhaupt, höchstens bis an die Schwelle des Urknalls zurück verfolgen. Von diesem Raum-Zeit-Fenster aus können wir deshalb auch nicht entscheiden, ob es darüber eine höhere Wirklichkeit gibt. Was wir trotz unserer Beschränkung unserer physikalischen Weltsicht finden, ist ein grossartiges Bild der kosmischen Entwicklung. Aber, und da setzt Gerhard Börner eine weitere Grenze wenn er sagt: „Und dieses Leben könnte nicht entstanden sein, wenn die physikalischen Gesetze nur ein wenig anders wären, als sie tatsächlich sind.“ Viele Abhandlungen wurden darüber unter dem Bergriff „anthropisches Prinzip“ geschrieben und alle kommen zu dem Ergebnis, „dass das Universum eine gastliche Stätte für Leben und Intelligenz ist.“

Doch der Autor geht nicht soweit, aus dem „anthropischen Prinzip“ auf eine zielgerichtete Schöpfung und die absichtliche Entwicklung hin zum Menschen zu schliessen. Er meint, dass man solche Schlüsse innerhalb der Naturwissenschaft nicht ziehen könne, dass man sich aber doch vom kosmologischen Weltbild zu solchen Gedanken anregen lassen dürfe. Doch dann zieht er einen sehr wichtigen Schluss wenn er schreibt: „Wollen wir die Entstehung des Kosmos, von Raum und Zeit, als Schöpfungsakt eines göttlichen Wesens interpretieren, so hindern uns die naturwissenschaftlichen Ergebnisse nicht daran. Im Gegenteil. Der physikalischen Forschung würde sich dies wohl gerade wie das kosmologische Standardmodell des Urknalls darstellen.“ Zum Abschluss seines interessanten Beitrages glaubt er nicht, dass die grandiose kosmische Entwicklung ein sinnloses Schauspiel sei, sondern er sei mit dem amerikanischen Physiker Freeman Dyson der Meinung, dass ein Zweck dahinterstecke – „vielleicht der Plan, ein ständig komplexeres, von vielfältigen Formen und von einem geistigen Prinzip erfülltes Universum hervorzubringen.“

Doch zum Schluss des Berichtes relativiert er seine hervorragenden Gedanken und meint, dass solche Gedanken „in den Bereich der Werte und des Glaubens gehören, in dem wir bescheiden unsere Unkenntnis eingestehen müssen.“ Der letzte Schritt der Logik führt uns unweigerlich über die Schöpfung zum Schöpfer. Doch dieser letzte Schritt ist wahrscheinlich einer der grössten Schritte im persönlichen Leben eines Wissenschaftlers. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass nur Wenige diesen einen entscheidenden Schritt wagen. Oder mit den Worten des Atomphysikers Werner Heisenberg ausgedrückt: „Der erste Trunk aus dem Becher der Wissenschaft macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“.

Deutsche Ausgabe des National Geographic vom Dezember 2003 mit dem Titel „Die Suche nach der Schöpfung“.

Gian Luca Carigiet, ProGenesis, 26. November 2003


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